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In «Der schnurgerade Kanal» (1977) treffen sich die Biografien dreier ehemaliger Studienkollegen, die einst zusammen in Burgdorf Hochbau studierten: K., der danach wie Gerhard Meier in einer Fabrik hängen blieb und später Schriftsteller wurde. Isidor A., der als Architekt nach Australien auswanderte. Und Helene W., deren Neigung zu Isidor nicht auf eindeutige Erwiderung stiess und die danach auf Medizin umsattelte. Der Briefträger überbringt der Ärztin ein Couvert mit Isidors Notizen vor seinem Freitod. In der Erinnerung wird der Zickzackkurs dreier Biografien bewusst. Eine leise Schrift gegen das Vergessen.
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Gerhard Meier (geboren 1917) ist der bekannteste Unbekannte der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. Im Kleinen beschreibt er das Grosse, im solothurnischen Dorf Niederbipp die Welt. 33 Jahre arbeitete er hier in einer Lampenfabrik, erst im Alter von 54 Jahren widmete er sich voll der Schriftstellertätigkeit. Danach entstanden die Romane «Der Besuch», «Der schnurgerade Kanal», «Land der Winde», nach dem Tod der Frau in der Erinnerung an sie schliesslich die kleine Schrift «Ob die Granatbäume blühen». Meier ist ein Meister der Weglassung, Verknappung und Verdichtung.
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«Der schnurgerade Kanal» von Gerhard Meier
Werner Morlang, Das Magazin, 14.07.2006

«Die Welt ist alles, was der Fall ist», heisst es bündig bei Ludwig Wittgenstein und begründet dessen positivitisches Frühwerk. Doch wie verhält es sich mit der Welt in den Büchern? Gewiss, diese wird aus Wörtern und Sätzen gebildet, aber der bare Wortlaut ist längst nicht alles, was literarisch der Fall ist. Da schwingt manches mit, klingt leise nach, wird nur angedeutet, behutsam ausgespart oder mit Bedacht verschwiegen. In solchen Verfahrensweisen stecken unabsehbare poetische Möglichkeiten, und gerade davon liefert Gerhard Meier mit seinem 1977 erschienenen Roman eine bestrickende Probe aufs Exempel. Nicht umsonst stammt von ihm die Bemerkung: «Es ist nämlich fast wichtiger zu wissen, was man nicht sagen darf, als was man sagen darf.»

«Der schnurgerade Kanal» handelt eindringlich von Liebe und Tod, aber die Gravitationszentren des Textes werden so zart umrankt und vor jedem frontalen Zugriff geschützt, dass man sich beinahe scheut, sie auszusprechen. Immerhin führt der Autor explizit aus: In Burgdorf waren sich einst Helene W., Isidor A. und ein auf sein Initial reduzierter K. am Technikum begegnet, wo alle drei Architektur studierten. Das freundschaftlich verbundene Trio wurde indessen bald auseinander gesprengt. K., dessen Lebensweg an jenen Gerhard Meiers gemahnt, brach das Studium ab, heiratete, fand sein Auskommen jahrzehntelang in einer Fabrik, um sich alsdann schriftstellerisch zu betätigen. Helene W. hatte sich in Isidor verliebt, der nicht eindeutig Farbe bekennen mochte. Daher wechselte sie zur Medizin und wanderte nach New York aus, wo sie seither als Internistin arbeitet. Isidor A. beendete sein Architekturstudium und zog nach Australien, kehrt aber, tödlich erkrankt an einem Gehirntumor, in sein Heimatdorf Amrain zurück, bevor er seinem Leiden durch Suizid ein Ende setzt.

Soweit das aus zeitlicher Entlegenheit in die Gegenwart hinüber leuchtende emotionale Klima. Was die Figuren umtreibt, geht auf in einem dicht gewobenen Text, der geflissentlich zu protokollieren scheint, was eben der Fall ist. Das gilt vor allem für Isidors Aufzeichnungen, die den überwiegenden Teil des Romans ausmachen. Laut ihnen bewohnt Isidor während seiner letzten Tage ein Interieur, sitzt auf einem Stuhl, wechselt gelegentlich den Sitzplatz oder Standort, macht sich etwa an seiner Brille und einer Tasse Kaffee zu schaffen und betrachtet ausgiebig den Bildband «In Russland» von Inge Morath und Arthur Miller. Wie wenig und wie viel begibt sich in diesem Daseinsfest des Unspektakulären! Die zwanglos aufgereihten Wahrnehmungen erweisen sich als beziehungsreiches Spiegelkabinett. Einträchtig mit Isidors schwindender Lebenszeit welkt drinnen und draussen die herbstliche Natur. Helenes unerfüllte Liebe zu Isidor findet ihre Entsprechung in Pasternaks Figuren Lara und Doktor Schiwago sowie auf einer Fotografie. Und während Helene in ihrem Ferienort am Bodensee diese Aufzeichnungen liest, gelingt es ihr manchmal, sich zusammen mit dem toten Isidor in einem imaginierten Altersidyll einzufinden. Die Erosion der Zeit wird notiert, insbesondere an der von Inge Morath festgehaltenen blaugrünen Fassade des Winterpalastes in St. Petersburg, die das Prinzip nahe legt: «Vom Monochromen gibt es eine Bewegung hin zum Strukturierten, Verwaschenen, Gebleichten, zum Mitgeheimnisvollen-Schattierungen-Durchwirkten, was sich andererseits nicht ganz schmerzlos zu vollziehen scheint, aber von einer berückenden Eindrücklichkeit sein kann, wenn man gewillt ist, sich der sanften Dominanz dieser Erscheinung zu beugen, wobei ein Sich-Sträuben Ignoranz bedeutete.»

Das letzte Wort gehört dem Dichter K., der in einer veritablen Predigt seinen biblischen Lieblingstext des Predigers Salomo erläutern darf, demzufolge alles eitel ist und «Haschen nach Wind». Gerhard Meier pflegt etwa zu sagen, er habe seine schönsten Texte in den Wind geschrieben. Wir Leser und Leserinnen sind ihm freilich dankbar, dass er den Roman «Der schnurgerade Kanal» für einmal nicht dieser verwehenden Instanz anvertraut hat.

Werner Morlang, Germanist in Zürich, war Mitglied der Jury zur Auswahl der Schweizer Bibliothek des «Magazins», 20 Bücher des 20. Jahrhunderts. Letztes Jahr gab er den Band «Canetti in Zürich» (Nagel & Kimche) heraus.